13.07.2011

Interview der WAZ mit Josef Hovenjürgen MdL zur Schulpolitik

 

Nachstehend finden Sie das gesamte Interview, welches am 13.07.2011 in der WAZ in Auszügen erschienen ist.

 

1. Sie sind ein glühender Verfechter der Hauptschule, haben stets betont, dass sozialer Aufstieg nicht von der Schulform abhängt. Sehen Sie das immer noch so?
    
Antwort:
Ich bin immer noch ein Verfechter der Hauptschule, da ich glaube, dass viele Eltern die Sorge haben, ihre Kinder zur Hauptschule zu schicken, weil sie die Chancen, welche die Hauptschulen bieten, nicht wirklich realisiert haben. Denn auch aus der Hauptschule heraus kann die mittlere Reife und auch der Weg zum Abitur bestritten werden. Das ist die eine Seite und die andere Seite ist, dass es dort eine, insbesondere wenn man meine Heimatstadt Haltern am See betrachtet, sehr vernünftige und hochwertige Vorbereitungen auf das Berufsleben gibt. Dies ist belegte Tatsache durch die Lernstandserhebungen. Insofern hat die Hauptschule, zumindest in Haltern am See, nach wie vor ihren Sinn.

Im Übrigen hat der Landesparteitag am 12. März d.J. der CDU Nordrhein-Westfalens nicht die Aufgabe der Hauptschule beschlossen, sondern dort, wo demographisch eine Existenz der Hauptschule wegen mangelnder Anmeldezahlen nicht mehr möglich ist, auch eine Zusammenlegung mit der Realschule zu ermöglichen. Zielsetzung dieser Verbundschule die, dass der eine Zweig auf die weitere Schullaufbahn vorbereitet bis hin zur Mittleren Reife und zum Abitur, und der andere Weg in eine qualifizierte Berufsausbildung führt. Allerdings ist die Überlebenssituation der Hauptschule abhängig von den Anmeldezahlen. Hier hat die neue Landesregierung die Verbindlichkeit des Schulgutachtens abgeschafft, und die Eltern entscheiden selbst, in welche Schulform sie ihre Kinder schicken möchten, unabhängig von der Schulempfehlung. Letztendlich kann niemand gezwungen werden, sein Kind an der Hauptschule anzumelden. Zum Schluss sind allein die Anmeldezahlen entscheidend für den Fortbestand einer Hauptschule.
 

2. Ein Teil Ihrer Partei ist bekanntlich anderer Meinung. Wie stark schätzen sie die internen Reformgegner ein?

 

Antwort:
Es gibt in jeder Partei widersprechende und andere Meinungen. Das ist auch gut so, sonst gäbe es keine Diskussionen. Insofern gibt es vieles, über das man diskutieren kann. Wir werden sehen, welche Schulformen die Eltern letztendlich annehmen. Zum Schluss entscheidet immer der Elternwille . Allerdings, was wir von der Union fordern ist, dass alle Schulformen gleichberechtigt behandelt werden, und dass es keine Bevorzugung einer einzigen Schulform gibt. Das ist zur Zeit bei der von der Landesregierung präferierten Gemeinschaftsschule der Fall. Dort sind Klassen, nicht größer als mit 20 Schülern garantiert. Lehrer, die aus den Real- oder Hauptschulbereichen kommen, haben die Möglichkeit, in die Gehaltsstufen von Gymnasiallehrern aufzusteigen. Das ist an anderen Schulen nicht der Fall. Insofern ist eine ausdrückliche Bevorzugung der Gemeinschaftsschule kein fairer Umgang der Schulen untereinander.

 

3. Erwarten Sie Protest von den Lehrern?

 

 Antwort:
Auch die Lehrer haben sicherlich ganz eigene Sichtweisen, je nach Schultyp, an dem sie unterrichten. Es liegt natürlich auch sehr an den Erfahrungen, die sie vor Ort gemacht haben. Insofern glaube ich, dass es bei den Lehrern keine einheitliche Meinung gibt, was die zukünftigen Schulformen angeht.

 

4. Es gibt funktionierende Hauptschulen und solche, die ein sozialer Brennpunkt sind. Wie stehen Sie zu einem generellen Aus für die Hauptschule?

 

Antwort:
Selbst bei einem generellen Hauptschulausstieg glaube ich nicht, dass wir den Schülerinnen und Schülern, die zur Zeit an der Hauptschule unterrichtet werden, wirklich helfen. Denn nur ein Streichen des Namens beendet ja nicht die Tatsache, dass wir Schülerinnen und Schüler haben, die den bisherigen Hauptschultyp bewusst ausgesucht haben. Das heißt also: es ändert sich nichts an sozialen Strukturen, es ändert sich nichts an Problemstellungen in verschiedenen Brennpunktbereichen. Hier wäre es wichtig, sich die Brennpunkte vor Augen zu halten. Da hat die alte schwarz-gelbe Landesregierung einen Ansatz gemacht, indem sie z.B. den Lehrerschlüssel nicht mehr an Schülerzahlen orientiert hat, sondern an den Notwendigkeiten vor Ort. Ich glaube, dieses ist ein entscheidener Schlüssel zur Lösung der Schulproblematik, dass man nicht mehr statisch das Land uniformiert, sondern dass man sich sehr genau ansieht, was ist an den verschiedenen Schulen notwendig


5. Ist die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule ein Patentrezept?

 

Antwort:
Ob es ein Patenrezept ist, kann ich nicht sagen. Allerdings wird der Demographiefaktor, insbesondere im ländlichen Raum, automatisch zu diesen Modellen führen. Die Anzahl der Kinder rückläufig ist und wir wollen die vorhandene Schulstrukturweiter nutzen. Deshalb sind Zusammenlegungen von Schulbereichen eine Möglichkeit, verschiedene Wege innerhalb des Bildungssystems zu bündeln. Hier wäre die Verbundschule sicherlich eine Möglichkeit.

 

6. Muss es nach Ihrer Meinung inhaltliche Veränderungen geben, damit die neue Gemeinschaftsschule funktioniert?

 

Antwort:
Ob wir wirklich eine Gemeinschaftsschule als Regelschule bekommen müssen, halte ich für fraglich. Denn wenn die neue rot-grüne Landesregierung so großen Wert auf Wahlfreiheit legt, wäre die flächendeckende Gemeinschaftsschule ja keine Wahlfreiheit mehr, sondern es gäbe faktisch nur einen Schultyp, der angeboten würde. Die Wahlfreiheit der Eltern wäre dahin, und wir würden unser bisheriges Schulsystem komplett aufgeben. Diesen Weg halte ich für falsch. Insbesondere glaube ich, dass lernschwächere Kinder mit der Tatsache, dass sie ab dem 6. Schuljahr auf gymnasialem Niveau mit 2 Fremdsprachen beschult werden, letztendlich überfordert werden könnten. Deswegen glaube ich auch nicht, dass Gemeinschaftsschulen funktionieren werden. Je breiter die soziale Spreizung vor Ort ist, umso schwieriger wird die Realisierung einer Gemeinschaftsschule sein.

 

7. Denen, die das zweigliedrige Schulsystem fordern, wird jetzt vorgeworfen, sie wollten die Gymnasien zu Eliteschulen machen. Besteht nicht die Gefahr, dass noch mehr Eltern ihre Kinder zum Gymnasium schicken?

 

Antwort:
Die Gymnasien in unserem Land, auf die 40 % der Schüler gehen, als Eliteschulen zu bezeichnen, halte ich für eine vorgeschobene Argumentation. Dann hätten wir ja 40 % Eliteschüler. Nein, das Gymnasium soll erhalten bleiben, damit wir weiterhin eine Wahlfreiheit zwischen einer Gesamtschule, einer möglichen Gemeinschaftsschule, der Realschule, einer Verbundschule oder dem Gymnasium selbst haben. Wer den Eltern Wahlfreiheit einräumen will, der muss definitiv auch eine Mehrgliederigkeit des Schulsystems wollen. Wer Wahlfreiheit abschaffen will, der macht Gemeinschaftsschule